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Birgit Jönsson: Bienenhäuser zum Schwärmen

Porträt Minifirma

Beuten sind Wohnungen für Bienen. Birgit Jönsson entdeckte die uralte Tradition der Figurenbeuten wieder und schnitzt mit einer Motorsäge nützliche Kunstobjekte

Im Bauch von Marilyn Monroe summt es, während hinter Goethes Stirn lebhaft gearbeitet wird. Der Bär bekommt eine süße Nase und beim lachenden Buddha hat sich eine Traube vor dem Bauchnabel gebildet. Marilyn, Goethe, Bär und Buddha sind drei Meter groß, wiegen 1,5 Tonnen und tragen ein Geheimnis in sich. Es sind Figurenbeuten, ein Zuhause für Honigbienen.

Die Geschichte der verzierten Bienenhäuser beginnt im Mittelalter. Damals sammelten Zeidler den Honig wilder Bienen im Wald. Dazu kletterten sie auf Bäume, entnahmen die Waben der Bienen. Um sich die Arbeit zu erleichtern, schufen sie in alten Bäumen künstliche Höhlen und versahen den Eingang mit einem Brett, in das ein Flugloch eingebracht war. Die ersten Beuten entstanden. Mit der Entwicklung der Forstwirtschaft endete die Zeidlerei. Die Bienen wurden nun in so genannten Klotzbeuten direkt am Haus gehalten. Häufig wurden die ausgehöhlten Baumstämme verziert. Die ersten Skulpturen stellten Dämonen dar, die Krankheiten und Diebe fernhalten sollten.

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Sehnsucht nach Harmonie

Später ließen sich oft der Imker und seine Frau porträtieren. Die Volkskunst war vor allem in Thüringen, Sachsen und Schlesien verbreitet. Matthias Lehnherr, Lehrer und Imker aus Basel beschrieb in "Der Schweizerische Bienenvater":  "Die ältesten Figurenbeuten stammen vermutlich aus dem frühen 17. Jahrhundert. Immer wieder stellte sich der Mensch als Bienenwohnung dar. Figurenbeuten sind mehr als nur folkloristische Beigaben zur Verschönerung des Bienengartens. Sie sind künstlerischer Ausdruck der Sehnsucht des Menschen nach der gelebten Harmonie des Bienenvolkes. Der Mensch begibt sich auf den "Bienenweg": Er möchte sich Heilkraft und Weisheit des Honigs einverleiben sowie körperlich und geistig fruchtbar sein wie das Bienenvolk; deshalb befindet sich das Flugloch sinnigerweise oft im Genitalbereich oder im Mund."

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Vergessen und Wiederentdeckt

Doch irgendwann gerieten die Figurenbeuten in Vergessenheit. Sie wichen Bienenkörben und praktischen Bienenkästen. Erst Holzschnitzerin Birgit Jönsson aus Nürnberg entdeckte die Tradition der Baumskulpturen wieder und gibt ihnen ein neues Gesicht.

"summ summ bsss bsss
kaum zu glauben, da uns alle nur berauben
jetzt baut einer von sich aus,
für uns ein neues Haus.
Soll auf hohem Baum es stehen,
oh da wird's uns besser gehen
springt das Bienenherz vor Freude
singen und tanzen wollen wir heute."

(aus: Wie Putzi den Bienen zu einem neuem Haus verhilft)

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Imker im Blumenkleid

Als Kind liebt Birgit Jönsson den Bienenwalzer und träumt davon, den fliegenden Nützlingen ein neues Haus zu bauen. Der Zufall will es, dass sie es eines Tages wirklich tut.  Birgit Jönsson hat Philosophie studiert. "Nach dem Studium wollte ich mit meinen Händen arbeiten." Deshalb absolviert sie ein Praktikum beim Münchener Kunstmaler und Restaurator Antonio Angel, lernt dann an der Fachschule für Holzbildhauer und Schnitzer in Oberammergau. "In dieser Zeit bearbeitete ich einen Holzstamm. Heraus kam ein Imker im Blumenkleid. Ich höhlte ihn aus. Plötzlich wusste ich, was ich geschaffen hatte: Ein Zuhause für die Bienen." Ihre erste Figurenbeute. Das war 1992. Seitdem hat Birgit Jönsson schon für mehr als 30 Bienenvölker ein neues, beeindruckendes Zuhause geschaffen.

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Vom Kunstwerk zum Gebrauchsgegenstand

Zwei Messkluppen, zwei Meterstäbe, ein Kreidestift, ein Schleifgerät, Schnitzeisen und gleich zwei Elektromotorsägen mit einem Dutzend Ketten für jede, das sind die Werkzeuge von Birgit Jönsson. Jeden Morgen schlüpft die Holzschnitzerin in ihren orangen Schutzan-zug, stülpt Helm und Schutzbrille über und schaltet die Kettensäge an. Ohrenbetäubender Lärm dröhnt über die Wiese ihres Arbeitshofes, Berge von Sägespänen türmen sich rund um sie. Während sie mit der Säge die Konturen der Skulptur schafft, schaut sie immer wieder auf ihr Tonmodell. "Jede Figurenbeute hat ihren Raum, zu dem sie gehört. Die Figurenbeute und schließlich die Bienen, die sie beherbergt, sind an den Ort gebunden, an dem sie stehen. Der Bremer Roland steht natürlich im Bürgerpark von Bremen, auf der Weide im Allgäu steht eine Kuh und in Weimar steht Goethe.  Gemeinsam mit meinem Auftraggeber entwerfe ich das Modell, dass ich dann 1:10 aus dem Baumstamm arbeite." Oft vergehen vier, manchmal sogar fünf Monate, bis eine Figurenbeute fertig ist. "Das wichtigste Detail einer Figurenbeute ist das Flugloch. Dort, wo das Flugloch sitzt, bekommt die Figur die größte Aufmerksamkeit. Hier leben die Bienen. Der Akt, das Flugloch zu stechen, ist aufregend. In dem Moment wird aus einem Kunstwerk ein Gebrauchsgegenstand. Das macht die Figuren-beute für mich wertvoll. Sie dient der Natur, und gehört zur Kultur."

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