Sachsen
Werkstätten Flade
In der kleinen Firma in Olbernhau kleben, schleifen, bohren und bemalen 25 Frauen eifrig Holzteilchen. Sie produzieren winzige Reiterlein, Blumenmädchen, Nussknacker und Weihnachtsmänner

Eingekuschelt in ein Tal im Erzgebirge liegt die kleine
Stadt Olbernhau. Knapp 13 000 Menschen leben
hier. Und fast alle haben irgendetwas mit Weihnachten
zu tun. So wie Kerstin Drechsel. In ihrer Werkstatt werden Engel,
Nussknacker, Bergmann und die heiligen drei Könige produziert. Doch Kerstins
Figuren haben etwas Besonderes: Sie sind winzig - der Nussknacker nicht einmal
drei Zentimeter groß!
JOB VERLOREN
Heute gehört Kerstin mit ihrer Firma fest zum
Stamm der Handwerksbetriebe im Erzgebirge.
"Nach meinem Studium der Volkskunde arbeitete
ich als Museologin, sammelte alte Holzautos und
Eisenbahnen, Bausteine und Häuser. Daraus wollte
ich ein Museum aufbauen." Doch Anfang der 90er
Jahre - gleich nach der Wende - geht die Spielzeugfirma,
die den Auftrag erteilt hatte, Konkurs. "Ich war gerade mit meinem
zweiten Sohn im Erziehungsurlaub! Überlegte, wovon ich leben könnte." Und
worauf kommt eine echte Erzgebirglerin als erstes?
Natürlich auf Weihnachtsfiguren!
Schon der Großvater
war Holzbrandmaler, Vater und Mutter arbeiteten
viele Jahre in einer Spielzeugfirma. Kerstin
hatte als Kind oft dem Vater in seiner Musterwerkstatt
zugeschaut. "Ich war schon damals fasziniert,
wie an der Drehbank kleinste Teile für Figuren entstehen."
ERSTE WERKSTATT
Provisorisch richtet Kerstin in der Wohnung
eine Werkstatt ein.
Während Sohn Florian friedlich im Kinderwagen schläft, entwirft sie mit Hilfe ihrer Eltern die ersten Figuren:
Sieben kleine Engel mit echtem Engelshaar. "Abends leimte und bemalte ich die Engel. Am Vormittag war ich unterwegs,
lief von Stadt zu Stadt, von Laden zu Laden, warb um Kunden."
DIE MÜHE LOHNT SICH
Schon vier Jahre später investiert Kerstin 1,2 Millionen D-Mark, baut eine Werkstatt. Heute arbeiten dort 25 Frauen, die über 300 verschiedene Figuren produzieren. 1500 Fachgeschäfte in der ganzen Welt gehören zu ihren Kunden.
MEIN WEIHNACHTSZAUBER
"Weihnachten hat für mich einen ganz besonderen Zauber." Besonders der Samstag vor dem 1. Advent. "Dann hole ich die große, verstaubte Kiste vom Boden und packe meine Weihnachtsfiguren aus, stelle Nussknacker, Pyramide, Bergmann und Engel auf. Wenn dann meine neuen Engel auch ihren Platz gefunden haben, schneide ich mit meiner Familie den ersten Stollen an und freue mich auf den nächsten Tag. Denn am 1. Advent, wenn die Dämmerung hereinbricht, darf ich endlich die Kerzen anzünden. Dann beginnt bei uns im Erzgebirge die Weihnachtszeit!"
68 ARBEITSSCHRITTE BIS ZUM ENGEL

Es ist ein langer Weg, bis aus zehn Holzteilen ein Engel entsteht. Körper und Arme werden angeschnitten und verleimt, die Beine geschliffen. Mit einer Pinzette greift Marion Biedermann die winzigen Teilchen, tupft ein wenig Leim darauf und drückt sie vorsichtig an den Holzkörper.
Das
Schleifpapier ist hauchdünn,
die Bohrer sind
nadelfein. Dann taucht
Anne Kreibe die Figuren
in eine Grundfarbe.
Dann wird jede einzeln
mit rot, weiß oder blau
bemalt. Manuela Preuß
tupft mit hauchdünnen
Stäbchen die Augen.
Aus Flachs wird schließlich
feines Haar genäht.
Mindestens 68 Arbeitsschritte
sind für einen
einzigen Engel nötig!.

Werkstätten Flade Olbernhau
Tel. (037360) 14-0
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